Wie aus einem 7:1 ein 1:7 wurde

Finale Momente

Wie aus einem 7:1 ein 1:7 wurde

Heute vor 8 Jahren: Es war der 8.7.2014.: Brasilien spielte bei der Heim-WM zu Hause gegen Deutschland.

Der Superstar Neymar fehlte verletzt, aber das ganze Land stand hinter dem Team. So war es zumindest im ausverkauften Stadion.

Schon in den vorangegangenen Spielen sangen das Team und alle Fans die Nationalhymne noch weiter, auch als die Musik der Kapelle schon stoppte.
Alle standen Arm in Arm fest umschlossen zusammen und wollten dem gebeutelten Land über den Fußball zumindest ein kleines Stück Freude und Hoffnung zurückgeben.

Genauso passierte es auch heute in Belo Horizonte, in dieser alten Betonschüssel.
Ein gewaltiger Gänsehautmoment. Aber nur annähernd so emotional, wie das, was da noch kommen sollte.

Mir ging es an dem Tag nicht gut. Auf der Reise von Deutschland über das Viertelfinale in Rio hatte ich mir eine fette Erkältung geholt.
Am Vortag vor dem Halbfinale legte ich mich im Hostel kurz nach der Ankunft in Belo Horizonte direkt mit Grippemitteln ins Bett.

Zum Glück war ich heute noch allein im gebuchten 8er-Zimmer.
Den ganzen Tag schlief ich erschöpft durch – und wachte erst wieder auf als ich am nächsten Morgen von 7 fröhlichen Brasilianern geweckt wurde, die für’s Halbfinale anreisten und mit mir das Zimmer teilen würden.

Ich lag geschwächt mit Schmerzen und schwitzend im Bett – und hatte Angst, dass ich es nicht zu dem großen Spiel schaffen würde. Ich drohte das Traumhalbfinale gegen Brasilien bei einer WM zu verpassen, für das ich extra über 9.000 Kilometer gereist bin, hohe Kosten und so viele Unannehmlichkeiten auf mich genommen hatte.

Dagegen standen 7 gut gelaunte, lustige Brasilianerinnen und Brasilianer in dem kleinen 8er-Zimmer. Das grelle gelb der Brasilianischen Trikots blendete mich und ich nahm nur schemenhaft wahr, was dort überhaupt um mich herum passierte. Es war wie im Delirium.

Tänzelnd nahmen sie den Raum ein, schminkten sich die brasilianischen Farben ins Gesicht – und alle waren voller Vorfreude auf das große Spiel.
In meinem Wahn zählte ich kurz durch: Es stand 7:1 für Brasilien.
Schnell zog ich die Decke über den Kopf und versuchte noch etwas Ruhe und Kraft zu finden.

Noch eine Weile blieb ich im Bett liegen und wartete ab bis die Truppe das Zimmer wieder verließ, um mich halbwegs in Ruhe aus meinem Elend zu befreien.

Ich schluckte ein weiteres der zwei Grippemittel, die ich am Vortag in der nahegelegenen Apotheke erhalten hatte. Gestern eins zum Einschlafen, heute ein aufputschendes mit Koffein und gegen die Schmerzen.

Tatsächlich gab es mir ein wenig Kraft und Energie, so dass ich es unter die Dusche und zum ein oder anderen Smalltalk mit meinen Brasilianischen Zimmernachbarn schaffte.

Sie waren sehr nett und voller Optimismus. Einer von ihnen tönte voller Überzeugung: „Today World Cup is finish for Germany!“ Ich lächelte müde, aber höflich und hoffte, dass das nicht zutreffen würde.

Es war zwar zweitranging. Aber neben einer schmerzhaften Niederlage müsste ich am nächsten Tag auch noch eine 24-Stunden Busfahrt von Belo Horizonte nach Brasilia zum Spiel um Platz 3 antreten. In meinem Zustand wollte ich das lieber vermeiden. Zum Finale nach Rio wäre es „nur“ eine 6-stündige Rückfahrt mit dem Bus.

Nachdem sich der Trubel im Hostel auflöste, gönnte ich mir noch ein, zwei Stunden Ruhe.
Eigentlich fahre ich vor solchen Spielen immer so früh wie möglich zum Stadion, um die Atmosphäre aufzusaugen. Das war heute unmöglich.

Etwa 1 ½ Stunden vor Spielbeginn erreichte ich das Stadion. Das Estádio Governador Magalhães Pinto, kurz Mineirão, ist zu meinem Erstaunen von außen eine alte, dreckige Betonschüssel.
Auch Innen wurde es später nicht schöner.
Das überraschte umso mehr, da das Stadion zur WM für satte 250 Millionen Euro umgebaut und modernisiert werden sollte.

Andererseits mag ich diese alten, engen Stadien sehr, da hier die Atmosphäre oft besser als in den hochmodernen, aber sterilen Arenen ist.

Vielleicht hatte man auch etwas mehr in V.I.P.-Räume und Tribünen investiert.
Aber sicher nicht rund um das Stadion und auf meinen „billigen“ (Steh-)Plätzen auch nicht.

Das hätte mir vielleicht Mick Jagger sagen können, der im V.I.P.-Bereich saß und vor 6 Wochen bei seinem Stones-Konzert in Düsseldorf noch in süffisant-britischer Manier ins Publikum fragte, ob Deutschland denn Weltmeister wird?
Hier trafen wir uns zufällig wieder. Und heute konnte er sich auf besondere Weise selbst davon überzeugen…

Die Geschichte, die jetzt folgte, ist bekannt. Deutschland führte schnell 1:0, dann 2:0.
Auf das 3:0 folgte nach 26 Minuten das 4:0. Und nach einer knappen halben Stunde stand es plötzlich 5:0 für Deutschland.

Ungläubiges Staunen im großen Rund. Eine schwer zu beschreibende Atmosphäre durchzog das gesamte Stadion.

Grenzenlose Freude und ununterbrochener Jubel unter und neben mir im Deutschen Block.
Lähmendes Entsetzen, tief traurige und weinende Brasilianerinnen und Brasilianer im Rest der Arena. Überwältigende Fassungslosigkeit auf beiden Seiten – mit unterschiedlichen Emotionen.

Für einen kurzen Moment überlege ich, ob ich vielleicht noch im Delirium bin.
Jetzt müsste ich eigentlich schweißgebadet in meinem Hostel aufwachen und merken, dass das nur ein Traum ist. Ich kneife mir in den Arm – und spüre es.
Es ist nicht mein Zustand, es sind nicht die brasilianischen Grippetabletten. Es passiert tatsächlich hier du jetzt.

Danach legt sich der Sturm. Deutschland fährt einen Gang runter. Brasilien steht K.O. auf dem Feld. Die Deutschen machen in der zweiten Halbzeit noch zwei Tore. Zu diesem Zeitpunkt bin ich froh, dass es nicht zweistellig wird.

In der letzten Minute gelingt Brasilien noch der Ehrentreffer. Das 1:7 wäre unter normalen Umständen vielleicht zu einem der schönsten Tore des Turniers gewählt worden, geht nun aber völlig unter. So wie Brasilien zuvor.

Zum Glück wird hier nun nicht zu ausgelassen von den Deutschen Spielern gefeiert.
Diese Demontage sitzt in diesen Momenten bei Brasilianern und Seleção einfach zu tief.
Bei aller Freude fordert es nun auch ein Stück weit Respekt.


Auf dem Boden liegen nun vor Enttäuschung die ganzen Neymar-Gesichtsmasken im Dreck, die vor dem Spiel noch stolz getragen wurden.

Trotz all der Trauer nehmen es aber auch einige Brasilianer schon wieder einigermaßen sportlich und sarkastisch.
Im Stadion „würgt“ eine Brasilianerin einen Deutschen Fan zum Spaß.
(Sie würgt ihn natürlich nicht wirklich, sondern hält ihm nur die Hände um den Hals. Er verzieht das Gesicht und sie kann schon wieder etwas lachen).

1:7 wurde in Brasilien später zum „geflügelten Wort“, wenn etwas richtig schief geht.

Auch meine Bettnachbarn im Hostel empfangen mich später mit einem bösen, aber gleichzeitig freundlichen Lächeln.
Auf der einen Seite sehr enttäuscht, nehmen sie es andererseits halbwegs locker und mit einem sarkastischen Schulterzucken und umarmen mich.

Am Ende steht es in meinem 8er-Zimmer immer noch 7:1 für Brasilien. Im Halbfinale der WM 2014 hatte sich das Ergebnis glücklicherweise gedreht.

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